Viel Zeit zur inneren Gesundung des Abendlandes bleibt nicht

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"Die Reduktion des Menschen auf seinen bloßen Körper und somit die Unfähigkeit, transzendente Begriffe wie Freiheit, Ehre, Würde oder Glaube zu verstehen, sind mittlerweile omnipräsent geworden und werden uns kaum freiwillig wieder aus ihrem Griff entlassen." David Engels

Viel Zeit zur inneren Gesundung des Abendlandes bleibt nicht

Aus Tichys Einblick:

Gastautor Professor Dr. David Engels, Senior Analyst am Instytut Zachodni in Poznań

2. Februar 2022


Auch wenn viele es noch nicht wahrhaben wollen: Die covid-Krise ist vorüber. Überall in
Europa werden die verschiedensten, seit zwei Jahren gültigen Maßnahmen Schritt für
Schritt zurückgefahren oder ganz abgeschafft, so daß viele Länder wieder ganz zur
Normalität zurück gefunden haben wie etwa Großbritannien oder Dänemark. Nur in
Frankreich, Italien, Deutschland und Österreich sind die Masken noch nicht gefallen –
doch ist es wahrscheinlich auch hier nur eine Frage der Zeit und des
Durchhaltevermögens der „Spaziergänger“, bis die völlig surrealen „G“-Regelungen
allmählich zurückgenommen werden und endlich – endlich – eine gewisse Normalität
eintritt. Und wenn es zurzeit auch noch so aussieht, als ob das Totschlag-Argument der
nötigen Vorbereitungen auf neue, natürlich „tödliche“ Mutationen in Herbst und Winter die
gegenwärtigen Maßnahmen noch eine Weile weiter legitimieren könnte – auf Dauer wird
sich Deutschland nicht gegen den immer größeren Druck von innen wie auch den
Vergleich mit der Außenwelt wehren können. Was wir gegenwärtig erleben, ist also nur
ein letztes Aufbäumen einiger Politiker, Journalisten und Experten, welche auf Kosten der
Gesamtgesellschaft ihr Gesicht wahren, noch einige Zeit ihre usurpierten
Sondervollmächte genießen und den verschiedenen Lobbys, denen sie sich angedient
haben, einige letzte Gefallen erweisen wollen, bevor die so lukrative Macht- und
Geldquelle „covid“ zu sprudeln aufhört und man der Bevölkerung großzügig ihre
Bürgerrechte „zurückgeben“ kann, als ob man je das Recht besessen hätte, sie ihnen zu
nehmen. Es wird also höchste Zeit, erste Lehren aus den vergangenen zwei Jahren zu
ziehen.
 

Wissenschaft: konform statt kritisch
 

Die erste Lehre betrifft die Wissenschaft. Selten haben sich sogenannte „Experten“ so
lächerlich gemacht wie in den letzten zwei Jahren, wo ganze Heerscharen von echten
oder von den Medien zu solchen gemachten „Virologen“ und Gesundheitsforschern ihre
offensichtliche Unfähigkeit bewiesen haben, abweichende Positionen und Thesen
sachlich und vorurteilsfrei zu diskutieren und, wenn möglich, zu widerlegen, anstatt sie
lediglich mit letztlich politischen Argumenten zu diskreditieren. Sehr bedenklich ist dabei
auch die gefährliche Allianz zwischen Experten und politischer Elite, die sich als neuer
Machtblock herausgebildet hat und zum einen demokratische Meinungsbildung durch
angeblich „alternativlose“ Maßnahmenbündel ersetzt, zum anderen vorurteilslose
Forschung zugunsten des nachträglichen Absegnens politischer Positionen aufgegeben
hat. Am Ausgang dieser Krise steht daher ein tiefes Mißtrauen immer größerer
Bevölkerungsschichten gegenüber jener angeblich unfehlbaren und unpolitischen
„Science“, deren Analysen und Ratschläge kurioserweise nicht nur von Land zu Land,
sondern auch von Lehrstuhl zu Lehrstuhl diametral voneinander abwichen, trotzdem aber
überall absolute Geltung beanspruchten und all jene, welche ihre jeweiligen Aussagen
bezweifelten, als „Faktenleugner“ und obskurantistische „Querdenker“ disqualifizierten.
Die Folgen dieses Vertrauensverlusts in die akademische Welt werden wir wohl noch
lange spüren, wenn es darum gehen wird, möglicherweise schon sehr bald erheblich
schwerwiegendere Krisen zu bewältigen.
Massenmedien: willenlose Erfüllungsgehilfen der Politik
 

Die zweite Lehre liegt darin, daß jeder aufmerksame und kritisch denkende Betrachter
mittlerweile wohl auch noch den letzten Rest von Achtung für jene Massenmedien
verloren haben wird, welche sich zu willenlosen Erfüllungsgehilfen einer zwar stetig
schwankenden, beständig aber widerspruchslosen Gehorsam erwartenden Politik
entpuppt haben und mit ihren maßlosen Polemiken gegen all jene, welche die jeweilige
Meinung nicht teilten, wesentlich an der massiven Verschärfung und Polarisierung unser
Gesellschaft Schuld tragen. Daß journalistische Steilvorlagen wie die fragwürdige
Krankenstatistik, die völlig surrealen „G“-regelungen, die Verfilzung von Politik und
Lobbys und der sträfliche Abbau von Krankenhausbetten inmitten einer angeblich
tödlichen Pandemie systematisch totgeschwiegen wurden, wird nur wenigen Beobachtern
entgangen sein. Es ist nun wohl auch für ein Massenpublikum klar geworden, daß ein
Neuaufbau einer wie auch immer gearteten echten europäischen Solidarität nicht möglich
sein wird, ohne die gegenwärtige Funktionsweise der Medien radikal in Frage zu stellen
und dabei nicht nur die zunehmende Abhängigkeit der sogenannten „privaten“ Medien
von staatlichen Geldgebern und politischen Werbeschaltungen zu überprüfen, sondern
auch endlich die Konsequenzen aus der offensichtlichen Unfähigkeit des öffentlich-
rechtlichen Sektors zu ziehen, seiner eigentlichen Mission einer politisch neutralen
Berichterstattung gerecht zu werden. Daß nicht nur die klassischen, sondern auch die
sozialen Medien sich dabei mit wahrem Enthusiasmus dank fragwürdiger „Fakte
Checker“, Dauerbelehrungen, Algorithmensteuerung und rücksichtslosen Zensurorgien
zum Schutz der „Volksgesundheit“ eben in jenem Arsenal politischer
Meinungsmanipulation bedient haben, das überwunden zu haben gerade die
Bundesrepublik seit Jahrzehnten penetrant zelebriert, dürfte ebenfalls kaum noch zu
übersehen sein.
 

Politisches Establishment: missachtet Freiheit und Recht
 

Eine dritte Lehre aus der Krise betrifft die gefährliche Bereitschaft des politischen
Establishments, die Freiheitsrechte des Bürgers massiv zu beschneiden und ohne
größere Diskussion, ja scheinbar ohne überhaupt die Spur einer Wahrnehmung dessen,
was auf dem Spiel steht, den Rechtsstaat abzubauen, und das nicht nur in jener Phase
berechtigter Sorge, wie wir sie in den ersten Monaten der Pandemie kannten, sondern
weit darüber hinaus. Wer bereit ist, ohne demokratische Debatte oder selbst Anhörung
des Parlaments grundlegende Rechte wie Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit,
Bewegungsfreiheit, Pressefreiheit oder Datenschutz massiven Beschränkungen zu
unterziehen und Skeptiker der jeweiligen Regierungspolitik als „Verfassungsfeinde“ zu
brandmarken und politischer Spionage wie vielfältigen Repressionen zu unterziehen, der
hat wohl von den geistigen Grundlagen eines freiheitlichen und demokratischen Systems
nicht viel verstanden. Die erschreckende Brutalität und Schnelligkeit, mit welcher
ideologische Mechanismen erneut salonfähig geworden sind, wie man sie seit dem Ende
des Totalitarismus in Westeuropa nicht mehr gekannt hat, läßt Übles ahnen, wenn es um
die Krisen der Zukunft geht, seien es reale wie etwa die anstehende Wirtschaftskrise oder
die Auseinandersetzung mit dem aufstrebenden China, seien es imaginäre wie etwa die
Klimakrise, der „Kampf gegen rechts“ oder die Umsetzung verschiedenster sozialer
Quoten. Daß der Politik also nicht mehr zu trauen ist, und zwar nicht nur, was die eine
oder andere sekundäre tagespolitische Präferenz betrifft, sondern fundamentale Fragen
wie die Wahrung der Integrität von Körper, Freiheit, Hab und Gut – von demokratischer
Transparenz und strikter Unabhängigkeit von Lobbys und Bestechungen ganz abgesehen
–, dürfte wohl für viele Menschen eine traumatisierende Erfahrung gewesen sein, welche
sie wahrscheinlich dauerhaft von einer vertrauensvollen politischen Partizipation abhalten
dürfte.
 

Leid und Tod: zu vermeidende Unfälle
 

Eine vierte Lehre ist der stetig steigende Einfluß des teils im elitären Denken des
Liberalismus, teils im sozialkonstruktivistischen Ansatz des Sozialismus verankerten
Transhumanismus. Lange Zeit als bloße dystopische Spinnerei abgetan, hat er sich in
wenigen Monaten zur ultimativen Grundlage des politischen Handelns der westlichen
Welt entwickelt. Die Vorstellung, daß Leid und Tod nicht etwa Bestandteile des Lebens
sind, sondern unbedingt zu vermeidende Unfälle; die Ersetzung der
Gottesebenbildlichkeit des Menschen durch seine bloße Tier-, ja Maschinenhaftigkeit; der
Traum von der unbegrenzten Perfektibilität des Körpers; die Skrupellosigkeit, mit der
ganze Nationen zu Versuchslaboratorien umgebaut werden; die gefährliche Verquickung
des Gesundheitswesens mit einer zunehmend gewinnorientierten Logik; die
mechanistische Reduktion der Gesundheit auf eine Reihe von Prozessen, welche alle mit
medizinischen Mitteln kontrolliert werden können, wobei infolge der unweigerlichen
Nebenwirkungen schließlich der gesamte Organismus von Fremdstoffen abhängig
gemacht wird; kurzum, die Reduktion des Menschen auf seinen bloßen Körper und somit
natürlich die Unfähigkeit, transzendente Begriffe wie Freiheit, Ehre, Würde oder Glaube
zu verstehen, sind mittlerweile omnipräsent geworden und werden uns kaum freiwillig
wieder aus ihrem Griff entlassen. Es gilt, die Gefahren dieser Gedanken also schon jetzt
in ihrer ganzen Bedeutung zu erkennen und sich ihnen fundamental zu verschließen.
Entmenschlichung anders Denkender
 

Und noch ein fünfter und letzter Punkt: Es ist erschreckend zu sehen, mit welchem
Enthusiasmus nicht nur die Eliten, sondern auch ganz „normale“ Mitmenschen, welche
keinen unmittelbaren Gewinn aus der Sache ziehen konnten, sich der kollektiven
Hetzjagd auf die neuen „Außenseiter“ angeschlossen haben. Von Medien, Politik und
Experten zum Abschuß freigegeben, sind die angeblichen „Randgruppen“ der „Corona-
Skeptiker“, welche oft genug mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, als
gefährliche und zersetzende Volksschädlinge dargestellt, diskriminiert und enthumanisiert
worden, und zwar nicht nur durch die berüchtigte, mit der „Risikogruppe“ weitgehend
identische „Boomer“-Generation, sondern unter dem Applaus der breiten Masse, welche
in ihnen nicht nur mögliche Gefährder ihrer eigenen Gesundheit wahrnahm, sondern
vielmehr fundamentale Feinde, die weder Bürger- und Menschenrechte, noch
zwischenmenschliche Achtung verdient haben. Bezeichnend ist dabei, daß zumindest in
Deutschland die Entmenschlichung des angeblichen „Querdenkers“ mit seiner
systematischen, medial wie politisch aufwendig inszenierten Assoziierung mit „rechten“
politischen Überzeugungen kombiniert wurde, um somit ein geradezu untermenschliches
Zerrbild des ultimativen Feinds unserer angeblich so offenen Gesellschaft zu schaffen:
Mehr und mehr zeigt sich, wo die sozialen Bruchlinien der Zukunft verlaufen werden, und
zu welchen als lange überwunden geglaubten Verhaltensweisen viele Mitmenschen sich
willig überreden lassen werden, wenn Straffreiheit, Gratismut und Sadismus sich mit dem
Kampf um das angebliche „Allgemeinwohl“ verbinden.
Viel Zeit zur inneren Gesundung des Abendlandes bleibt nicht
Die westliche Welt hat nach dem Abebben der covid-Pandemie und der schrittweisen
Rücknahme der meisten freiheitsgefährdenden Corona-Maßnahmen eine kurze, vielleicht
letzte Atempause gewonnen. Was im Rückblick wie die Generalprobe für die
systematische Umsetzung einer hochbrisanten autoritären und transhumanistischen
Dystopie anmutet, wird kein vereinzeltes Kapitel in unserer neueren Geschichte bleiben:
vielmehr ist zu erwarten, daß die hier durchexerzierten und eingespielten kollektiven
Reflexe und politischen Maßnahmenbündel nur zur leicht reaktivierbaren Grundlage
weiterer Anläufe zur fundamentalen Umgestaltung unserer Gesellschaft werden können.
Ob in der kurzen uns verbleibenden Zeit noch eine innere Gesundung der
abendländischen Welt unternommen werden kann, ist hochgradig fraglich; eher
anzunehmen ist ein letztes Verschnaufen, bevor die nächste Krise, ob durch äußere
Umstände aufgezwungen oder durch frei gewählte ideologische Zielsetzungen bewußt
provoziert, uns ein neues Kapitel in der Geschichte des scheinbar unaufhaltbaren „Great
Reset“ aufzwingt. Es gilt daher, die Zeit gut zu nutzen und jene Grundlagenarbeit zu
vertiefen, welche ein Überleben der fundamentalen Werte unserer Zivilisation auch unter
ungleich ungünstigeren Bedingungen garantieren können. Noch in den letzten Monaten
des Zweiten Weltkriegs bereiteten zahlreiche Staaten sich darauf vor, ihre traditionelle
Identität auch unter kommunistischer Herrschaft weiter am Leben zu halten, und
gründeten unter großen Opfern wichtige Netzwerke, welche in über zwei Generationen
ein segensreiches Wirken ausüben konnten und jene innere Aushöhlung der verhaßten
materialistischen Diktatur unternahmen, ohne die ihr Sturz wohl kaum möglich gewesen
wäre. Es ist an der Zeit, erneut die großen Klassiker des inneren Widerstands zur Hand
zu nehmen und ihre Lehren umzusetzen, solange jene Menschen, die sich dem äußeren
Zwang nicht unterziehen wollen, noch einige letzte Reste traditioneller Freiheit nutzen
können.
 

 

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